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letztes Update:
12.05.2013

. / .Geschichte / Neuzeit / Beispiel 2 für eine mündliche Prüfung in Geschichte
Stand: 15.11.2007

Anbei ein Beispiel für eine mündliche Prüfung im Fach Geschichte aus 2001: Die Schüler erhalten nur den Text und die Aufgaben.


Abiturprüfung 2001

Geschichte

(4. Prüfungsfach)




Aufgaben:

1) Erläutern Sie den historischen und situativen Kontext der beiden Texte!

2) Vergleichen Sie die Positionen der beiden Redner (T1, T2) miteinander!
    
3) Wägen Sie die Durchsetzbarkeit der jeweiligen Interessen in der konkreten  
    historischen Situation ab und beurteilen Sie die Qualität der jeweiligen Analyse!

TEXTE

T1
Ich darf also zusammenfassend sagen, daß man den Sozialismus fördern und organisch schaffen muß, daß man ihn aber nicht beschließen kann, und auch in der Nationalversammlung, die nur die Verfassungsgrundlagen zu legen hat, wird es sich um solche fördernden Maßnahmen, nicht um Beschlüsse, wie bei einer Diktatur, handeln, die in Rußland Schiffbruch erlitten hat. Dazu kommt noch eines. Parteigenossen, schätzen Sie wirklich bei ganz ruhiger, nüchterner Überlegung den Widerstand der bürgerlichen Kreise und der Intelligenz so gering ein, daß wir, wenn wir sie politisch entrechten, gegen ihren Willen die Wirtschaft führen könnten (...) Die deutsche Bourgeoisie hat eine viel größere Widerstandskraft als die Bourgeoisie in Rußland, sie wird mit allen Mitteln Widerstand leisten, wenn sie politisch entrechtet wird, und sie wird ihre Kräfte, die für die Produktion unentbehrlich sind, nur dann zur Verfügung stellen, wenn der Mehrheitswille des Volkes hinter uns steht. Wenn wir aber diesen Streik der Bourgeoisie bekommen -und er wird kommen, ebensogut wie er in Rußland gekommen ist-, dann ist die Folge der Einmarsch der Entente, und, Parteigenossen, wenn ich auch nicht behaupten will, daß die Entente ein Interesse daran hätte, die alten Mächte wieder einzusetzen, so ist doch klar, daß sie nicht die Rätediktatur fördern wird. Wir werden, wenn die Entente einmarschiert, überhaupt keinen Sozialismus bekommen. Dann bekommen wir eine gemäßigte bürgerliche Demokratie und müssen wieder lange, lan-ge aufs neue arbeiten, um zu wirklichem Sozialismus zu kommen. Also entweder die Summe von Sozialismus, die durch den gesamten Volkswillen möglich ist, oder voll-ständiger Zusammenbruch und überhaupt kein Sozialismus. Nur diese Wahl haben wir.
Aus einer Rede von Max Cohen-Reuß (SPD) am 19.12.1918 in Berlin; in: Dr. H. Michaelis, Dr. E. Schraepler (Hrsg.), Ursachen und Folgen, Berlin, S. 39

T2
Es ist nun einmal so. Die alte bürgerliche Demokratie mit ihrem Stimmzettel und ihren Parlamenten ist keine Ewigkeitserscheinung; sie hat ihre historische Bedingtheit, und wie der Sozialismus als neues Grundprinzip der Welt aufzieht, so ist selbstverständlich damit auch verbunden, daß dieser  bürgerlichen Demokratie die proletarische Demokratie folgen muß: wie sie ihren organisatorischen Ausdruck in dem Rätesystem findet.
(...) Die Diktatur ist zweifellos mit dem Rätesystem verbunden. Aber was sich in Rußland durch die historischen Gesetze aufzwang, braucht noch lange nicht in Deutschland der Fall zu sein. Ich gehöre nicht zu denen, die mechanisch und sklavisch das  russische Beispiel nachzuahmen versuchen. Ich bin Deutscher und bin stolz darauf, Deutscher zu sein. Die zwanzig Jahre, die ich jetzt in der Partei bin, habe ich dazu verwandt, die deutsche Kultur, die deutsche Dichtung, die deutsche Literatur den Mas-sen da unten zugänglich zu machen, weil die bürgerliche Gesellschaft nach dieser Richtung hin Millionen jahrein, jahraus geistig beraubt hat. (...) Wie steht es denn überhaupt mit der Diktatur  in Deutschland? Ich habe hier das statistische Ergebnis der Ge-werbezählung vom Jahre 1907, das letzte Zahlenmaterial, das darüber zur Verfügung steht. Da zeigt sich bei allen Berufen, bei Land- und Forstwirtschaft, bei Industrie, Bergbau und Baugewerbe, bei Handel und Verkehr, daß sich das arbeitende, werktätige Volk überall in der Mehrheit befindet, und daß es bis jetzt unter der Diktatur einer ökonomisch überlegenen Minderheit gestanden hat. Und das soll jetzt durch die Nationalversammlung verewigt werden. Sie mögen mit dem Kopfe schütteln, so viel, wie Sie wollen, - die Nationalversammlung, die jetzt zusammenkommt, hat weder den Willen, noch die Energie, den Sozialismus Wirklichkeit werden zu lassen. Ach, sie wird Einrichtungen schaffen, aus denen die notwendigen Geldmittel herausgeholt werden können: Staatsmonopole und sonstige staatskapitalistischen Einrichtungen. Aber eine Wirtschaftsordnung, in der das Volk produktiv und als Konsument gleichberechtigt ist, davon wird keine Rede sein. Dazu muß schon eine Institution und eine ökonomische Einrichtung geschaffen werden, durch die tatsächlich die Besitzverhältnisse, aber auch die politischen Rechtsverhältnisse auf eine ganz andere Grundlage gestellt werden, und das kann eben nur mit Hilfe des Rätesystems geschehen.
Aus einer Rede von Ernst Däumig (USPD) am 19.12.1918, in: ders., Ursachen und Folgen, Berlin, S. 44 f.

Erwartungshorizont: Teil1

Aufgabe 1

Texttyp: auf rhetorische Wirksamkeit angelegte Reden, die zugleich tiefe politische Grundüberzeugungen widerspiegeln; kurze Einordnung in den historischen Zusammenhang: Proklamation der „Deutschen Republik“ (9.11.18); Abstimmung im Zirkus Busch (10.11.18); Benennung als „Allgemeiner Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands“ vom 16. - 20. Dezember 1918; Grund: Entscheidung über die konkrete Ausrichtung der Macht, hier: parlamentarische Demokratie oder Räterepublik; vordergründiger Anlass: Abstimmung über den Termin (19.1.19) bezüglich der Wahlen zur deutschen Nationalversammlung; Kennzeichnung der Redesituation: Überzeugungsrede vor den Arbeiter- und Soldatenräten, die sich nominell als Träger der politischen Macht verstehen; beide Reden wenden sich zunächst an ein relativ homogenes Publikum, sind aber auch auf Breitenwirksamkeit angelegt. Da die Abstimmungsmehrheiten abzuschätzen waren, haben die Reden eher programmatischen Wert.

Aufgabe 2

Text 1: Betonung des Sozialismus als bleibendes Ziel; Einschränkung: nicht durch einfache Beschlüsse zu realisieren; Verweis auf Russland eher beiläufig, gleichsam diesbezüglich einen tiefen Grundkonsens mit der Mehrheit voraussetzend; Betonung der Bedeutung der Nationalversammlung; Hervorhebung der Widerstandsmöglichkeiten insbesondere der deutschen Bourgeoisie; in dialektischer Umkehrung wird ein „Streik der Bourgeoisie“ prophezeit, was zum unersetzbaren Verlust an Sachkompetenz führe und gewissermaßen zwangsläufig zum „Einmarsch der Entente“ mit dem Ergebnis einer zwangsweise gemäßigten bürgerlichen Demokratie; Zuspitzung auf die pragmatische Alternative: Etwas Sozialismus auf parlamentarischer Grundlage oder gar kein Sozialismus.

Text 2: Bürgerliche Demokratie sei mittlerweile für den Abfallhaufen der Geschichte gut; im Sinne des historischen Materialismus komme geschichtsnotwendig die „proletarische Demokratie“; Betonte Ablehnung einer Gleichsetzung von Rätediktatur deutscher und russischer Prägung durch Hervorhebung nationaler Empfindungen; Problematisierung als Terminus „Diktatur“ durch Gegenüberstellung: Diktatur einer Minderheit versus Diktatur einer Mehrheit; Beschreibung der Ziele der einzurichtenden Nationalversammlung: Ablehnung des Sozialismus; Fortführung der Diktatur einer bürgerlichen Minderheit durch Beibehaltung bestehender Besitz- und Rechtsverhältnisse; Zuspitzung auf die Folgerung, nur das Rätesystem könne dies verhindern.

Aufgabe 3
Interessenlage: Cohen-Reuß schätzt die Interessenlage der Mehrheit der Arbeiter- und Bauernräte, die ja an ihr Mandat gebunden sind, realistischer ein: Der Krieg, die nachfolgenden Ereignisse, beginnend mit der Meuterei der Hochseeflotte, den Novemberereignissen mit dem raschen und widerstandslosen Zusammenbruch der bisherigen Führungselite und der politischen Legitimation der Revolution durch die Berliner Arbeiter- und Soldatenräte am 10.11.1918 im Zirkus Busch erzeugen die Illusion eines nachdrücklichen Sieges; Friedens- und Ordnungsliebe des deutschen Proletariats sind kalkulierbare Faktoren.
Däumig ist sich der Stimmungslage bewusst; er verlässt sich aber gleichsam tief gläubig  auf den „unausweichlichen Gang der Geschichte".
Qualität: Beide geben sich Illusionen hin: Cohen-Reuß: Ausgleich der Interessengegensätze sei bereits durch ein politisches System gewährleistet; dabei Eingeständnisse der eigenen Inkompetenz; allerdings: Gespür für situative Forderungen.
Däumig: Schätzt zwar die Kontinuität der bestehenden Verhältnisse auch nach einer Parlamentarisierung richtig ein, verlässt sich aber auf den historischen Materialismus.


Teil 2  Prüfungsgespräch

- Krisenjahre1923/30/33/ Machteroberung und Machtbehauptung Hitlers
- NS-Ideologie/ Nürnberger Prozess/ Berlin-Blockade
- Flottenrüstung/ Imperialismus