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23.05.2018

. / .Deutsch / Epik / epische Texte / Bertolt Brecht, Der Soldat von La Ciotat
Stand: 15.02.2010

     Bertolt Brecht
     Der Soldat von La Ciotat


     Nach dem ersten Weltkrieg sahen wir in der kleinen südfranzösischen
     Hafenstadt La Ciotat bei einem Jahrmarkt zur Feier eines Schiffs-
     stapellaufs auf einem öffentlichen Platz das bronzene Standbild eines
     Soldaten der französischen Armee, um das die Menge sich drängte.
  5 Wir traten näher hinzu und entdeckten, daß es ein lebendiger Mensch
     war, der da unbeweglich in erdbraunem Mantel, den Stahlhelm auf
     dem Kopf, ein Bajonett im Arm, in der heißen Junisonne auf einem
     Steinsockel stand. Sein Gesicht und seine Hände waren mit einer
     Bronzefarbe angestrichen. Er bewegte keinen Muskel, nicht einmal
10 seine Wimpern zuckten.
     Zu seinen Füßen an dem Sockel lehnte ein Stück Pappe, auf dem
     folgender Text zu lesen war:

                Der Statuenmensch
                  (Homme Statue)

15 Ich, Charles Louis Franchard, Soldat im ... ten Regiment, erwarb
     als Folge einer Verschüttung vor Verdun die ungewöhnliche Fähigkeit,
     vollkommen unbeweglich zu verharren und mich beliebige Zeit lang
     wie eine Statue zu verhalten. Diese meine Kunst wurde von vielen
     Professoren geprüft und als eine unerklärliche Krankheit bezeichnet.
20 Spenden Sie, bitte, einem Familienvater ohne Stellung eine kleine  
     Gabe!

     Wir warfen eine Münze in den Teller, der neben dieser Tafel stand,
     und gingen kopfschüttelnd weiter.
     Hier also, dachten wir, steht er, bis an die Zähne bewaffnet, der un-
25 verwüstliche Soldat vieler Jahrtausende, er, mit dem Geschichte ge-  
     macht wurde, er, der alle diese großen Taten der Alexander, Cäsar,
     Napoleon ermöglichte, von denen wir in den Schullesebüchern lesen.
     Das ist er. Er zuckt nicht mit der Wimper. Das ist der Bogenschütze
     des Cyrus, der Sichelwagenlenker des Kambyses, den der Sand der
30 Wüste nicht endgültig begraben konnte, der Legionär Cäsars, der            
     Lanzenreiter des Dschingis-Khan, der Schweizer des XIV. Ludwig und
     des I. Napoleon Grenadier. Er besitzt die eben doch nicht so unge-
     wöhnliche Fähigkeit, sich nichts anmerken zu lassen, wenn alle er-
     denklichen Werkzeuge der Vernichtung an ihm ausprobiert werden.
35 Wie ein Stein, fühllos (sagt er), verharre er, wenn man ihn in den
     Tod schicke. Durchlöchert von Lanzen der verschiedensten Zeitalter,
     steinernen, bronzenen, eisernen, angefahren von Streitwagen, denen
     des Artaxerxes und denen des Generals Ludendorff, zertrampelt von
     den Elefanten des Hannibal und den Reitergeschwadern des Attila,
40 zerschmettert von den fliegenden Erzstücken der immer vollkommene-
     ren Geschütze mehrerer Jahrhunderte, aber auch den fliegenden
     Steinen der Katapulte, zerrissen von Gewehrkugeln, groß wie Tauben-
     eier und klein wie Bienen, steht er, unverwüstlich, immer von neuem,
     kommandiert in vielerlei Sprachen, aber immer unwissend warum
45 und wofür. Die Ländereien, die er eroberte, nahm nicht er in Besitz,
     so wie der Maurer nicht das Haus bewohnt, das er gebaut hat. Noch
     gehörte ihm etwa das Land, das er verteidigte. Nicht einmal seine
     Waffe oder seine Montur gehört ihm. Aber er steht, über sich den
     Todesregen der Flugzeuge und das brennende Pech der Stadtmauern,
50 unter sich Mine und Fallgrube, um sich Pest und Gelbkreuzgas,
     fleischerner Köcher für Wurfspieß und Pfeil, Zielpunkt, Tankmatsch,
     Gaskocher, vor sich den Feind und hinter sich den General!
     Unzählige Hände, die ihm das Wams webten, den Harnisch klopften,
     die Stiefel schnitten! Unzählbare Taschen, die sich durch ihn füllten!
55 Unermeßliches Geschrei in allen Sprachen der Welt, das ihn anfeuerte!
     Kein Gott, der ihn nicht segnete! Ihn, der behaftet ist mit dem ent-
     setzlichen Aussatz der Geduld, ausgehöhlt von der unheilbaren
     Krankheit der Unempfindlichkeit!
     Was für eine Verschüttung, dachten wir, ist das, der er diese Krank-
60 heit verdankt, diese furchtbare, ungeheuerliche, so überaus anstek-
     kende Krankheit?
     Sollte sie, fragten wir uns, nicht doch heilbar sein?