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12.05.2013

. / Aktuelles / Vergleich der Lehrgedichte „Lob des Lernens“ und „Lob des Zweifels“
Stand: 23.05.2011

Hier ein besonders gelungenes Beispiel für eine Hausaufgabe und methodisch gesehen für einen Vergleich. Sie wurde Ende 2010 von einer Schülerin angefertigt, nachdem beide Texte besprochen worden waren. Wie immer sind meinerseits nur marginale Änderungen eingefügt worden.


Vergleich der Lehrgedichte  „Lob des Lernens“  und „Lob des Zweifels“ von Bertolt Brecht!

Bertolt Brecht, einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller und Dichter des 20. Jahrhunderts, verfasste eine Reihe von Lehrgedichten, die in dem 11. Band der Werksammlung „Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe 1988 bis 1993“ erschienen sind. Zu diesen Lehrgedichten gehören zwei seiner lyrischen Texte, betitelt mit „Lob des Lernens“ und „Lob des Zweifelns“, in denen sich Teile seiner marxistischen Grundauffassung wiedererkennen lassen.
                                                                                                          
Auffällig sind nächst dieTitel, die auf eine Zusammengehörigkeit und thematische Ähnlichkeit hinweisen. Dieser Gedanke verifiziert sich in Hinblick auf die Perspektiven der beiden lyrischen Texte, in denen das Lernen und das Zweifeln von einem lyrischen Ich zentral angesprochen werden. Durch eindringliche Appelle und Aufforderungen zum Lernen und Zweifeln, die sowohl an eine durch das 2. Personalpronomen Plural „Ihr“ gekennzeichnete Gruppe als auch durch das 2. Personalpronomen Singular „Du“ an den Rezipienten selbst gerichtet sind, wird das Lob erkennbar. Neben dieser fiktiven Gruppe, die Menschen aller Schichten miteinschließt, sind konkrete Figuren wie „Frau in der Küche“ (Z.10 in: „Lob des Lernens“) und „der Mann“ (Z.46 in: „Lob des Zweifels“) als Beispiel für die Menschen aus der Arbeiterklasse „expressis verbis” angemerkt.                                                                                                                    
Durch die Benutzung von Imperativen (Zeile 1 in: „Lob des Lernens“ und Zeile 6 in: „Lob des Zweifels“) wird der appellative Charakter, den beide lyrische Texte gemeinsam haben, deutlich. Verstärkt wird die bereits gegebene emphatische Wirkung durch die Verwendung von Wörtern aus dem Bereich des Militärs, der in beiden Texten eine Anlehnung an den Krieg veranschaulicht „unzerstörbare Festungen“(Z.9 in: „Lob des Zweifels“) und „Waffe“ (Z.15 in: „Lob des Lernens). Ferner verwendet der Verfasser die Substantive „die Führung“ und „der Führer“, die durch den Zweifel und das Lernen übernommen werden können und somit den Schlüssel zur Macht darstellen. Damit verleiht Brecht beiden Lehrgedichten einen revolutionären Anspruch und intendiert zugleich eine stets aufbruchsbereite Wirkung, durch die der Rezipient massiv zum Handeln aufgefordert wird. Dieser revolutionäre Gedanke, der die Herrschaft des Proletariats einbezieht, zeigt sich durch den Bruch mit traditionellen lyrischen Mitteln, also dem bewussten Verzicht auf Metren, Reimschemata und Kadenzen, der in beiden Gedichten deutlich zu erfassen ist. Ebenso sind weder einheitlich gestaltete Strophen noch Verse in den Texten vorhanden.
Allerdings verzichtet Brecht nicht komplett auf lyrische Elemente: So setzt er in beiden Texten viele sich wiederholende rhetorischen Stilmittel wie Parallelismen (Z.16-19 in: „Lob des Zweifels“ und Z.8-11), Ellipsen und Inversionen gezielt ein, wobei letztere beide Mittel mit zahlreichen Zäsuren und Enjambements der vermittelten revolutionären Stimmung dienen. Die parallelen Strukturen unterstreichen in beiden Lehrgedichten die Kontinuität, an der es beim Lernen und Zweifeln gemäß dem lyrischen Ich bedarf.
                                                                                                                        
Trotz dieser hohen Anzahl an gemeinsamen sprachlich stilistischen Elementen, die der gleichen Funktion dienen, lassen sich beim differenzierteren Blick etliche inhaltliche Unterschiede verzeichnen. Während das lyrische Ich in dem Lehrgedicht „ Lob des Lernens“ das Lernen als absolute Forderung und Machtmittel charakterisiert, sind im lyrischen Text „Lob des  Zweifels“ Einschränkungen enthalten. Das Lob des Zweifels wird getrübt, denn nicht nur Menschen, die nicht zweifeln, sondern auch Menschen, die zu viele Zweifel haben, werden von dem lyrischen Ich kritisiert, denn diese würden verzweifeln und versuchen, sich durch ihre Zweifel Entscheidungen zu entziehen (Z.69-74). Man solle also ein rechtes Maß am Zweifel finden, während beim zweiten Lehrgedicht das Lernen kein Maß besitzt. Je mehr und länger man lerne, desto höher sei die Chance „die Führung zu übernehmen“ (Z.7). Demgemäß stellt Brecht das Lernen als die oberste Priorität vor essentiellen Grundbedürfnissen dar. Außerdem erscheint der lyrische Text „Lob des Zweifels“ mit 13 Zeilengruppen durch die Fülle an Beispielen und Erläuterungen viel komplexer und differenzierter aufgebaut als das Lehrgedicht „Lob des Lernens“ mit nur 3 Zeilengruppen, welches durch den letzten Vers jeder Versgruppe „Du musst die Führung übernehmen.“ und direkten, knappen Erläuterungen auf den zutiefst appellativen Charakter reduziert und einseitig wirkt. Vielmehr werden in dem Text „Lob des Lernens“ längere beschreibende (Z.48) sowie erklärende Beispiele (Z.28-35) angeführt, die die Bedeutung des Zweifels klärt. Dies wird in dem multiperspektivischen Ansatz, der durch die Außensicht auf die durch das Personalpronomen 3. Person Plural „sie“ gekennzeichnete Gruppe  erweitert ist, ersichtlich. Das  Lehrgedicht „Lob des Lernens“ dagegen  beschränkt sich in Bezug auf die Perspektiven lediglich auf das Verhältnis zwischen lyrischem Ich und Adressat.                                      
Auch sprachlich ist der Text „Lob des Zweifels“ durch etliche Paradoxa erweitert, welche die Widersprüche in Niederschriften aufzeigt (Z.13-15), die anzuzweifeln seien.
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Unter Einbezug der untersuchten Aspekte lässt sich zusammenfassend sagen, dass der Zweifel in dem Lehrgedicht „Lob des Zweifels“ wie das Wissen in dem Lehrgedicht „Lob des Lernens“ einen instrumentellen Charakter besitzt, der durch ähnliche stilistische Mittel zum Ausdruck kommt. Verknüpft man beide Inhalte der Lehrgedichte miteinander, so ist das Lernen sowie das Zweifeln, (wenn auch nur) sekundär in beiden Texten vorhanden. Sowohl der kritische Ansatz des Lernens als auch der des Zweifels ist gemäß dem lyrischen Ich fundamental für die Übernahme der Führung bisheriger Machtpersonen. Diese  emphatische Gesamtwirkung wird bei den beiden Lehrgedichten auf zwei verschiedene Weisen erzeugt: zum einen durch die ausdrücklich schlichte Forderung in dem Lehrgedicht „Lob des Lernens“ und zum anderen durch die multiperspektivisch erklärende Darstellung im lyrischen Text „Lob des Zweifels“. Dabei fällt die Schärfe seines Angriffs in dem Text „Lob des Zweifels“, in dem sowohl Zynismus als auch Arroganz durchscheinen, auf. Das lyrische Ich wirkt wütend und resignierend, während das lyrische Ich im Lehrgedicht „Lob des Lernens“ positiver gesinnt zu sein scheint und dem Rezipienten durch einen einprägsamen Text das Lernen aufzuzwingen versucht. Hierbei ist deutlich erkennbar, dass Brecht das Lehrgedicht „Lob des Lernens“ vor dem lyrischen Text „Lob des Zweifels“ verfasste. Nicht nur in der Gesamtwirkung der Lehrgedichte, sondern auch vom schlüssigen Zusammenhang, auf den die letzten Zeilen 75 und 76 des „Lob des Lernens“, an denen sich unmittelbar die beginnenden Zeilen im Lehrgedicht „Lob des Zweifels“ schließen können, verweisen, lässt sich diese Reihenfolge aufstellen. Denn nur der, der sich genug Wissen angeeignet hat, könne überhaupt erst an Autoritäten und aufgestellten Dogmen zweifeln.                                                                    
Trotz seiner stimmigen Überlegungen, die sich aus den Lehrgedichten herauskristallisieren, verfängt Brecht sich in seiner eigenen Argumentation, da er Dogmen kritisiert und sie zugleich selbst aufstellt. Um seiner Intention jedoch zu folgen, liegt es nahe, Brechts Forderungen und Sichtweisen mit dem vorher angeeigneten Wissen anzuzweifeln.


Verfasserin: Karen Luc