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letztes Update:
12.05.2013

. / Aktuelles / Henrik Ibsens Theaterstück:
Stand: 26.02.2011

Hier ein Beispiel für eine produktionsorientierte Aufgabenstellung in 2011: Verfassen einer Theaterkritik zu einem erdachten Theaterbesuch. Henrik Ibsens Drama „Volksfeind” war zuvor besprochen worden.


Vechta.  
Sobald der Vorhang gefallen ist und das Licht wieder angeht, liegt Stockmann weinend am Boden. Die Fenster sind eingeschlagen, das Haus totenstill und das Publikum ist zutiefst ergriffen.

Intendant Lothar Löwe hat das Ende von Henrik Ibsens Theaterstück an den Anfang seiner Inszenierung gesetzt, um so als Rückblende die Geschehnisse des Dr. Stockmann besser zu verdeutlichen. Diese Art der inneren Rückschau zeigt sehr deutlich, dass sich sein Held niemals dem Feind beugen wird.  

Der Zuschauer fühlt sich, als ob jemand mit der Fernbedienung einen gerade laufenden Film zurückspult: Ein umgestürzter Tisch wird aufgerichtet. Fensterscheiben schnell gekittet und die Schauspieler der Petra Stockmann und des Herrn Stockmann gehen zurück an ihre Plätze – Herr Stockmann mit dem wichtigen Brief in der Hand, der die Informationen zum verseuchten Wasser des Kurbades beinhaltet. Das Stück beginnt zum zweiten Mal.
Der Kurarzt Stockmann möchte mit dieser Entdeckung an die Öffentlichkeit. Die Presse und ein großer Teil der Bürger unterstützen ihn zunächst. Doch als Stockmanns Bruder, der Bürgermeister und Anteilseigner des Bades, gegen ihn spricht, schafft er es, die Mehrheit davon zu überzeugen, dass der Kurarzt falsch liege. Der Bürgermeister weiß genau, dass sehr hohe Kosten auf ihn zukommen würden, wenn rauskäme, dass sein Bruder richtig läge.
Eine Hetzjagd auf Stockmann und seine Familie beginnt.

Lothar Löwe hat Ibsens Stück so inszeniert, dass man einen Zusammenschnitt aus vielen einzelnen Erinnerungen des Kurarztes gezeigt bekommt. Diese werden für einen kurzen Moment, wie in einem sich erinnernden Gedächtnis, scharf gestellt.
So verleiht er seinem Protagonisten gleich zwei Rollen – die des Zuschauers und die des Handelnden. Gleichsam fühlt sich auch das Publikum als Zuschauer und Handelnder.
Herausragend waren vor allem die Kostüme von Karen Luc. Mit viel Kreativität schaffte sie es, dem Stück das Flair von 1800 zu verleihen. Vor allem die Gegensätzlichkeit der Kostüme intensivierte den Kontrast zwischen den beiden Stockmann-Brüdern.
Thomas Stockmann kam, gemäß seiner Rolle des Rechtschaffenden, gekleidet in schlichten, hellen und schnörkellosen Kleidungstücken, eine positive Ausstrahlung zu Gute. Im Gegensatz zu Peter Stockmann, der in seinen aufwendig geschneiderten, dunklen, arrogant wirkenden Kostümen glatt als neuer Mephisto auf der Bühne hätte stehen können.
Auch das Bühnenbild trägt hervorragend zur Gesamtinszenierung Lothar Löwes bei.
Pit Fischer, der berühmte Bühnenbildner, schuf mit vielen kleinen Details eine wundervolle Einrichtung von Thomas Stockmanns Haus.
Der Salon wurde akribisch in einem Stil, ganz wie um 1800, gemeistert. Er legte vor allem Wert auf Holzmöbel, die im Gesamtkonzept miteinander harmonieren. Ein langer Tisch mit hohen Stühlen und einem prunkvollen Kronleuchter, aber auch ein feiner Schrank, gefüllt mit verschiedensten, alten Büchern, verdeutlichen den Charakter Stockmanns – einerseits sehr eigenwillig, aber andererseits sehr ehrgeizig und pflichtbewusst und sehr bekümmert um seine geliebte Familie.
Lothar Löwe schafft es weiterhin, sehr niveauvoll mit Symbolen zu spielen. So liefern sich die Brüder Stockmanns einen Stockkampf und Petra Stockmann zerreißt voller Wut ein Buch, mit dem sie versucht, ihre Entlassung zu verarbeiten. Insgesamt gelangt es Löwe, Ibsens Intention, seine öffentliche Kritik an der Gesellschaft, in einer ganz neuen Form auf die Bühne zu bringen.
Der Vorhang ist gefallen; es wird wieder hell. Stockmann liegt weinend am Boden. Die Fenster sind zertrümmert, das Haus totenstill und das Publikum ist zu tiefst ergriffen – am Stück? Oder fühlt sich der eine oder andere vielleicht doch von Ibsens Kritik angesprochen?!

Verfasserin: Giulia Nemann