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12.05.2013

. / Aktuelles / Zu Guttenberg – ein moderner Ikarus?
Stand: 25.06.2011

Zu Guttenberg – ein moderner Ikarus?

Da tritt jemand vor die Mikrofone und was er zu sagen hat, ist kurz: Er sei bereit gewesen zu kämpfen, nunmehr sei er aber am Ende seiner Kräfte. Etwas länger ist die Begründung für den späten(?) Zeitpunkt – das Haus habe noch bestellt werden müssen -, deutlich kürzer der Anlass: sein Rücktritt. Ende eines politischen Skandals, der interessierte Kreise und die Medien in bemerkenswerten Aktionen hielt? Ende eines Höhenfluges, der in seiner Dramatik an Ikarus erinnert?
Rückblende: Ein junger Held tritt auf: in einer Zeit, die arm an Helden ist, ein bemerkenswertes Ereignis. (Zwar sind die Medien stets bemüht, aus der Fülle des Gleichmaßes bunte Luftballons aufzublasen, aber dies gelingt nicht wirklich und meist nur für kurze Zeit. Eine solche „Heldin“ ist derzeitig z. B. Lena. Auch der Charme eines frisch angespitzten Buntstiftes ersetzt nicht wirklich ein durchschnittliches Stimmchen. Solche medialen „Promis“ sind auch nicht aus dem Material, denen man eine Vorbildfunktion zubilligen würde – Scharen von medienverseuchten Jugendlichen, von denen altermäßig viele bereits zu den Erwachsenen gezählt werden, ausgenommen).
Der junge Held bezieht in seiner Eigenschaft als Wirtschaftsminister Position zu den allseits eingeforderten staatlichen Hilfen für Opel: Er lehnt sie ab. In einem Wirtschaftssystem, das ideologisch – dies auch immer wieder beteuernd - auf Konkurrenz aufgebaut ist, ein konsequenter Schritt. Solche steuerlichen(!) Mittel bestrafen alle Unternehmen, die im Ergebnis erfolgreich gearbeitet haben, und schaffen unlautere Wettbewerbshilfen, also entwerten sie das Konkurrenzprinzip, erschaffen danach berechtigte Forderungen z. B. anderer Autobauer und provozieren die nächsten Problemfälle, da der Absatzmarkt sich für alle ja nicht vergrößert hat. Der junge Held hat sich hier leider nicht durchsetzen können: Er musste unsäglich lange Verhandlungen führen, die von vorneherein zum Scheitern verurteilt waren; GM wollte nur Zeit gewinnen und hat diese Zeit genutzt, um staatliche Hilfen zu erhalten und die Mitarbeiter zu ungünstigeren Bedingungen arbeiten zu lassen. Deren Manager werden sehr amüsiert auf die tagespolitischen Diskussionen in Deutschland geblickt haben. Herr zu Guttenberg hat hier immerhin eine sehr gute Figur – im doppelten Sinn der Worte – gemacht; neben diesen Vertretern des US-Geldadels sah er noch eine Spur souveräner und gelassener aus; ganz im Gegensatz z. B. zu einem Ministerpräsidenten aus NRW.
Als Verteidigungsminister übernimmt er einen schon vorhandenen (angeblichen) Skandal, da ein deutscher Oberst es gewagt hatte, das zu tun, wofür er geglaubt haben muss geschickt worden zu sein: nämlich ernsthaft im Bedrohungsfalle zu kämpfen. Zu den Einsatzgrundsätzen deutscher Offiziere gehört die Maxime, besser eine falsche Entscheidung zu treffen als gar keine. Ein Einheitsführer ist zunächst für seine Soldaten verantwortlich und wenn man schon keine eigene Luftunterstützung anfordern kann, so muss man die Gelegenheit beim Schopfe fassen – also die sich anbietende Luftunterstützung durch US-Jagdbomber -, um auf diese Weise mögliche eigene Verluste zu minimieren. Immer richtige Entscheidungen unter Zeitdruck zu treffen, ist schwerlich möglich. Kriege haben ihre eigene Logik und es ist leicht, im geschützten Deutschland in aller Ruhe juristisch alle anfallenden „Dienstvergehen“ zu sezieren. Im Nachhinein hat sich – soweit wir den Medien glauben dürfen – diese militärische Entscheidung als unverhältnismäßig gezeigt. Im Nachhinein! Zu Guttenberg hat – wohl auch weil er Reservist ist – aus Fürsorgepflicht sich vor seinen Untergebenen gestellt – zunächst. Leider ist er umgefallen, da eine dem prinzipiellen Pazifismus verpflichtete Presse in Deutschland und Teile der internationalen Presse, denen ohnehin alles, was deutsche Soldaten machen, eines Kriegsverbrechens verdächtig erscheint, sehr starken meinungsbildenden Druck ausgeübt haben. Vermutlich wird auch die Bundeskanzlerin sehr pragmatisch orientiert auf ein Bauernopfer gedrungen haben. Sehr scharfsinnig und mutig ist dann seine Entscheidung gewesen, die Wehrpflicht auszusetzen, was natürlich einer praktischen Abschaffung gleichkommt. Sie war aus ganz unterschiedlichen Gründen (Wehrgerechtigkeit, Finanzen und notwendiger Professionalität – die Talibankämpfer sind auch keine Amateure) längst überfällig geworden. Problematischer ist allerdings die noch angedachte Gesamtzahl, die deutlich zu gering ausfällt. Geradezu vorbildlich ist sein Einsatz zu nennen bei der Betreuung der dt. Soldaten/innen in Afghanistan; sowohl die Anzahl der Besuche als auch das Verständnis für die Extremsituation der Truppe vor Ort erfordern allerhöchsten Respekt; bereits die eindeutige Bekenntnis zum Begriff Krieg bekundet eine klare Position. Weniger gedeihlich war da schon der Umgang mit dem Kapitän der Gorch Fock, der seines Kommandos enthoben wurde, obwohl eine Untersuchung noch gar nicht stattgefunden hatte, die zu Guttenberg kurz zuvor ja richtigerweise als Voraussetzung genannt hatte.
Hier deutet sich eine gewisse Anfälligkeit auf medialen Druck an, aber war es nicht schon immer besonders schwierig, gegen den „mainstream“ zu schwimmen? Ein ganz normaler gruppendynamischer Prozess? Hier hätte man sich vielleicht mehr persönliche Standfestigkeit gewünscht, aber wer weiß schon, welche „Informationen“ wann auf ihn eingeflutet sein mögen. Hier deutet sich andererseits auch eine gewisse Entscheidungsfreude an, die einen guten Militär ausmacht. Und wer denkt nicht an die Sentenz, dass nur die keine Fehler machen, die gar nichts machen.
Das prinzipielle Format hat er jedenfalls, aber es fehlt noch an „Erfahrung in den Geschäften“, wie mein Geschichtsprofessor zu sagen pflegte. Er ist beredt, er ist eloquent, seine gedankliche Schärfe ist bestechend und seine strukturierten Gedanken lassen an Plausibilität nichts zu wünschen übrig. Immer wieder erfrischend diesen differenzierten Gedanken zu folgen. Und – er besitzt ein hohes Maß an Authentizität, man nimmt ihm ab, was er sagt, weil man spürt, dass er sagt, was er glaubt. Und – er hat Charisma (eine ganz seltene Eigenschaft), die gepaart ist mit einer lässigen Eleganz und Nonchalance. Mithin besitzt er Eigenschaften, die ihn deutlich aus dem Heer der grauen Herren im Politikbetrieb hervorheben. Alles Eigenschaften, die Missgunst, ja den Hass der Mittelmäßigen auf sich ziehen.
Natürlich ist er beileibe nicht fehlerfrei. Eitelkeit, fehlendes Augenmaß für Grenzen und eine gewisse Naivität in der Einschätzung der Beharrlichkeit von Menschen, die anderen etwas neiden, zählen zu seinen Negativposten. Und – jugendlicher Leichtsinn, der den Ernst nicht kennt, mit dem andere sich durchs Leben plagen, der den Ernst nicht kennt, mit dem viele Menschen ihre Prinzipien und Glaubensgrundsätze verteidigen und verteidigen müssen, um ihr Leben zu bewältigen. Aber man kann nicht außergewöhnlich und gewöhnlich zugleich sein.
Plötzlich: der Plagiatsvorwurf! Vermutlich wird es das Unwort des Jahres 2011 werden. Nicht wenige vermuten, dass hier von Anfang an gezielt gesucht worden sei. Vielleicht, aber es ist letztlich unwichtig, denn nun gibt es – fast schon als eine Art moderner „Volks- oder doch besser Akademikersport“ betrieben – immer neue Fundstellen für nicht kenntlich gemachte Übernahmen. Zwei Wochen später: „Rückgabe“(?!), Aberkennung des Doktortitels und schließlich Rücktritt. Der flügellose Absturz: ein erkennbar äußerer, aber – und der ist wohl dramatischer – auch ein innerer. Unsinnig die fast schon halb verschämten oder die hoffnungsgestimmten Vermutungen über eine spätere Rückkehr in die Politik. Zu Guttenberg wird niemals wieder dieser uns bekannte zu Guttenberg sein. Denn sonst müsste er so gewöhnlich sein wie die, die seine Demontage betrieben, jeder für sich unschuldig, aber so machtvoll und grausam in einem unabgesprochenen Gemeinschaftsakt.
Wohl müßig eine Rekonstruktion der Stationen des Werdegangs dieser ominösen Doktorarbeit zu machen: vermutlich ein undurchdringliches Konglomerat von allem, von nicht erfüllbarem Anspruch an sich selbst, von Selbst- und Fremdtäuschung, von zeitlichen Zwängen, von immer neuen Kosten- Nutzenabwägungen und und…Eben eine nicht eingestandene Niederlage, die es in einen Triumph umzuwandeln galt. Auch für ihn hatte der Tag nur 24 Stunden, sicher eine banale Feststellung, aber dennoch richtig. Kurzum: Es bleibt die Verfehlung, die besonders an Gewicht gewinnt bei jemandem, der gerade mit dem Nimbus der Redlichkeit sich umgab. Hier hat sich ein grenzenloses Verlangen nach Aufwertung des eigenen Egos verrannt: Neben dem alten Adelstitel sollte es auch noch der bürgerliche Adelstitel, der Doktor, sein.
Rein rational betrachtet fragt man sich, wozu das eigentlich nötig gewesen sei. Das wird er sich mittlerweile auch oft genug gefragt haben. Es ist eine der vielen Schwächen, die wir alle haben, die Sehnsucht nach Anerkennung und besonderer Würdigung: Sie ist vermutlich stärker als ihre primitivere Form: die Gier nach Geld.
Was bleibt?
Eine moralische, eine juristische, eine politische und eine persönliche Bewertung? Wozu? Die Macht des Faktischen ist bereits über alles gerollt und hat ihre zerstörerische Wirkung längst getan. Nichts ist mehr umkehrbar. Ist nun alles besser? Werden nun all die übrigen Doktoranden jetzt mit besonderem Eifer höchstes wissenschaftliches Ethos an den Tag legen? War zu Guttenberg etwa ein Einzelfall, den es beschämt auszumerzen galt? Ist nun unser Glaube an die Wissenschaft und ihre Tugend wiederhergestellt? Ist dieses – sagen wir einmal – geringere Unrechtsbewusstsein im Abkupfern, im Kopieren und „Aneignen fremden Gedankenguts“ (das hab ich schon mal gelesen, weiß aber nicht mehr wo) wirklich nur ein Einzelfall? Oder ist da vielleicht eine Herde von Pharisäern laut geworden? Sprach da nicht Frau Dr. Merkel kürzlich von „Verlogenheit“? Und was ist mit dem persönlich enttäuschten Doktorvater? Ist es mit seiner ganz persönlichen Enttäuschung getan? Hat er nicht vielleicht gemeinsam mit zumindest einem Kollegen ein Dienstvergehen begangen? Oder war er nur einfach fachlich überfordert? So viele Brecht’sche Fragen. So wenige Antworten.
Ach ja. Die Medien. Gemeinsam hoben sie ihn auf ihren Schild, getrennt in anspruchsvolle Printmedien und gewöhnliche Boulevardpresse haben sie ihn fallen lassen bzw. getragen. Völlig selbstlos, jeweils nur der Wahrheit verpflichtet. Und um eben diese Wahrheit ging es natürlich auch der Opposition. Wahrhaft tapfer haben also alle nur die Wahrheit verteidigt, und die Lüge ausgemerzt, und nun ist alles wieder gut. Mich beruhigt die Erkenntnis, dass der wirklich gute Zweck die Mittel geheiligt hat. Alles ist gut.

Verfasser: Hubertus Wilczek

P. S. Ich versichere eidesstattlich, dass diese Ausführungen nicht aus anderen Quellen abgeschrieben worden sind, einfach schon deswegen, weil ich nicht die Zeit zum Suchen habe und auch kein Geld für Mitarbeiter. Sollte der Nachweis eines Plagiats gelingen, betone ich, dass nur umgekehrt jemand mich beraubt haben kann.