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letztes Update:
12.05.2013

. / .Deutsch / Pop-Literatur
Stand: 15.10.2012

Anbei ein Beispiel einer nachbereitenden Hausaufgabe, basierend auf einer Doppelstunde, gehalten von einem Praktikanten.

Kurze Analyse der Popliteratur der 1990er Jahre

Stellvertretend für die Popliteratur der 1990er Jahre stellt hier ein Auszug des 1998 erschienenen „Soloalbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, mithilfe dessen versucht wird, grundlegende inhaltliche und sprachliche Charakteristika herauszuarbeiten.
Im Zentrum des Textes ist der Versuch der Schaffung einer alltäglichen Atmosphäre: Es geht unmittelbar und zeitneutral um einen einzelnen und was dieser erlebt und denkt.
Diese wird auch durch die Sprache unterstützt. Stuckrad-Barre verwendet sie sehr frei und direkt: So spielen formale Regeln wie Anführungszeichen und der übliche Standardwortschatz keine Rolle. Stattdessen werden sehr vulgäre Begriffe („ficken“) und viele Neologismen („sehrgutgelaufenen“, „Kulturwichtigheinis“) verwendet.
Einhergehend mit dem Alltäglichen steht der Versuch nirgendwo anzuecken: Einerseits wird grundsätzlich nicht politisch oder gesellschaftskritisch Stellung bezogen. Damit Identifikationspotenzial entsteht, geht es andererseits häufig um Musik, andere Kunst oder Moden irgendeiner Art. Von diesen werden gleich die unterschiedlichsten Genres und deren Vertreter genannt („Wolfgang Petry“, „Herbert Grönemeyer“, „Tori Amos“, „Spice Girls“, „Lavalampe“, „Che Guevara“ …), welche alle gleichzeitig gelobt und zerschmettert werden („Scheiß Pearl Jam findet sie ‚superintensiv‘“). Jeder Leser der angesprochenen Altersgruppe fühlt sich sofort angesprochen und kann sich das entsprechend Richtige für sich herausfiltern.
Um trotzdem etwas Spannung zu erzeugen, wird ein sehr individualistisches und egoistisches Moment  erzeugt, was durch scheinbare Provokationen ergänzt wird („Harald Schmidt ist ein Nazi“). Somit hat der Ich-Erzähler eine zentrale Funktion, denn er kennt zwar die Gedanken der anderen nicht, aber dafür seine sehr genau. Auch deswegen führt er diese radikal und Menschen abwehrend aus („Seine Angeberei ist wirklich grotesk in ihrem Nichtsdahinter [...]“). Scheinbar ist das Ich der einzig vernünftig denkende Mensch mit der einzig wahren Weltsicht und Meinung.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass diese Eigenschaften preisgeben, dass diese Literatur nicht auf Botschaft, sondern auf Verkaufszahlen zielt. Diese können dadurch erreicht werden, dass sich Leser einer Altersgruppe durch den Text als Teil einer Generation verstehen können, die sich durch scheinbar gemeinsame Eigenschaften auszeichnet. Der einzelne Leser ist nicht mehr allein, sondern Teil einer verbindenden Masse. Eine ansprechende Sprache oder ein intellektuell anspruchsvolle Inhalt werden dazu nicht benötigt; wären sogar kontraproduktiv. Folglich geht es nicht darum, wertvolle Literatur zu schaffen, sondern Profit.

Andreas Blaha, Oktober, 2012